Staatl. und private Schulen

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Erfahrungsberichte Argentinien

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Vorname:
Hardy
Alter:
17
aus:
Finowfurt
war:
2010 für ein Schuljahr in Esperanza, Santa Fe, Argentinien
Schultyp:
Staatliche Schule
Kontakt:
egbert.hardy@freenet.de

Hier der Bericht von Hardy:

Was waren für dich die drei größten Unterschiede zwischen Zielland und Deutschland?

Zum einen die argentinische Mentalität, die viel lockerer und offener ist als die deutsche. Hier kommt man auch mit nicht bekannten Leuten sehr schnell ins Gespräch und die Argentinier sind keinesfalls ängstlich oder schüchtern einen einfach anzusprechen. Vor allem, wenn ich zum Beispiel ganz normale Dinge, wie zum Bäcker gehen, erledigt habe und dort dann mein Brot bestellt habe, wird man sofort angesprochen, woher man sei, weil der Akzent einen verrät. Dann sagte ich, dass ich ein Austauschschüler aus Deutschland bin und plötzlich wurde ich in meiner Muttersprache angesprochen, was mich immer sehr verblüfft hat. Ich muss dazu sagen, dass meine Stadt in der ich gelebt habe, eine deutsch-schweizerische Kolonie war und deshalb fast alle Einwohner Vorfahren aus Deutschland oder der Schweiz haben. Jedoch erwartet man in diesem Moment nicht, dass man 15.000 Kilometer von Deutschland entfernt auf Deutsch angesprochen wird. Das fand ich schon sehr faszinierend. Die Leute konnten natürlich nicht fliessend sprechen, haben sich aber trotzdem immer noch an einige Wörter erinnert, die ihnen von ihren Grosseltern beigebracht worden waren. Dann fühlte ich mich manchmal heimisch, obwohl ich mich ohnehin auf Grund des angenehmen Klimas der Menschen untereinander sofort wohl gefühlt habe.
Dann war für mich die Grösse Argentiniens zunächst nicht vorstellbar, was sich aber nach einigen Reisen mit der Organisation und den anderen Austauschschülern schnell änderte. So werde ich die längste Busfahrt meines Lebens wohl nie vergessen: unsere Destination lautete San Carlos de Bariloche, ein wunderschöner Ort in Patagonien, am Rand der Anden. Alle Reisen starteten in der Metropole Rosario, wo sich alle Austauschschüler sammelten. Ich musste also zunächst von Esperanza nach Santa Fe und danach von Santa Fe nach Rosario mit dem Bus reisen. Danach ging es dann quer durch die Pampa auf nach Bariloche. Nach einer 35-stündigen Busreise bin ich dann mit meiner Gruppe endlich angekommen. Trotzdem muss ich sagen, dass diese megalange Reise trotzdem nicht nur erschöpfend, sondern im Gegenteil sehr interessant war, denn man konnte natürlich Erfahrungen mit den anderen Austauschschülern austauschen und wenn einem mal die Themen ausgingen, wurden die verschiedenen Vegetationszonen und die Natur generell bestaunt, die man durchfahren hat. Also spätestens nach dieser Reise konnte man sich vorstellen, dass Argentinien das 8.-größte Land der Erde ist.   

Der dritte hauptsächliche Unterschied zwischen Argentinien und Deutschland ist für mich das soziale Verhältnis der Menschen. Es gibt manchmal riesige Unterschiede der Lebenssituationen und -standards in Argentinien. Die Kluft zwischen Arm und Reich findet man aber vor allem in Großstädten wie Rosario und Buenos Aires vor. Zum einen fährt man durch das Zentrum von Buenos Aires und betrachtet die imposanten Villen und Bauten und zum anderen verlässt man Buenos Aires mit einem Blick auf die regelrechten Slums am Rand der riesigen Hauptstadt. Buenos Aires ist ein sehr extremes Beispiel des sozialen Unterschieds, aber auch in meiner Stadt (Einwohnerzahl von 40.000) merkte man einen Unterschied.

Ich habe diesen Unterschied selbst gelebt. Zuerst lebte ich 4 Monate in einer Gastfamilie etwas am Rand der Stadt. Dort im Viertel gab es keine asphaltierten Strassen, die Häuser gleichten kleinen, heruntergekommenen Bungalows. Die Menschen dort lebten, sagen wir, sehr bescheiden. Doch das soll nicht heissen, dass sie weniger glücklich sind. Im Gegenteil manchmal verbindet das Helfen untereinander noch mehr. Also sollte man sich grundsätzlich nicht gleich vom allgemeinen Bild abschrecken lassen, wenn nicht alles so wie in Deutschland aussieht. Es muss natürlich auch kein Austauschschüler in einem Slum leben ;). Ich will damit nur sagen, dass man wenn man in eine solche Gastfamilie kommt, die nicht "stinkreich" ist, nicht gleich abblockt und ein falsches Bild aufbaut. Es gibt Unterschiede, die einem klar sein müssen und die man akzeptieren sollte. In meinem Fall war es jedoch so, dass ich ein nicht zu regelndes Problem mit meiner Gastmutter hatte und deshalb die Gastfamilie nach 4 Monaten wechselte. In meiner zweiten Gastfamilie erwartete mich dann das totale Gegenteil zu meiner ersten Familie. Es war eine sehr gut betuchte Familie, die im Zentrum der Stadt lebte. Ich habe somit zwei komplett verschiedene Lebenssituationen erlebt, die mir, was die Lebenserfahrung betrifft, sehr viel beigebracht haben.   

Woran denkst du als erstes, wenn du an deinen Auslandsaufenthalt denkst?

Ich denke auf jeden Fall an all die Freunde, die ich über das Jahr lieb gewonnen habe, zurück. Ich hätte mir niemals vorgestellt nach nur einem Jahr so viele Freunde zu haben, aber das erledigt sich schon von selbst, wenn man sich als Ausländer ein wenig offen, tolerant und interessiert gegenüber den Argentiniern zeigt. Danach bricht das Eis aufgrund der argentinischen Neugier ziemlich schnell und man kommt mit unbekannten Leuten ins Gespräch - so etwas würde es in Deutschland nicht so schnell geben. Also insgesamt denke ich vermissend an die tolle Mentalität und meine argentinischen Freunde zurück, die ich sobald es geht wieder besuchen möchte. 

Was hat dir besonders gut gefallen?

An erster Stelle stehen bei mir einfach die Argentinier selbst. Die angesprochene Offenheit und Sympathie der Leute ist wunderbar.
Insgesamt gefällt mir die argentinische Einstellung sehr gut. man kann sagen, dass jeder Argentinier sportbegeistert ist. Sei es der Fussball (Nationalsport Nummer 1), Rugby oder Polo, jeder Argentinier hat seine eigene Leidenschaft. Die argentinische Mentalität zeigt sich auch sehr interessiert gegenüber Ausländern und andere Kulturen, was das Leben eines Austauschschülers sehr erleichtert. Argentinier sind ausserdem sehr gemütliche Menschen, die das Leben wirklich zu leben wissen. Hektik findet man dort nur selten. Was ein grosser Unterschied zwischen Argentiniern und Deutschen ist, ist, dass die Deutschen meiner Meinung nach zu engstirnig sind. Wie gesagt, die Südamerikaner leben ihr Leben und geniessen es. In Deutschland ist das manchmal etwas anders.

Traditionen und Feste darf man natürlich auch nicht ausser Betracht lassen, die liebevoll gepflegt und geachtet werden. So sind Gaucho-Wettkämpfe immer ein grosser Anziehungspunkt vieler Zuschauer, die ihre eigene Kultur nur zu gut kennen und lieben. 

Argentinier sind stolz auf ihr Land und dennoch offen gegenüber neue Einflüsse aus anderen Ländern und genau diese Einstellung hat mir sehr gut gefallen.

Wie sieht ein typischer Schultag aus? War es leicht, Klassenkamerad/innen kennen zu lernen?

An meiner Schule hatte ich vormittags und nachmittags Schule. Der Stundenplan hat von Tag zu Tag variiert. Die erste Stunde begann um 7.45 Uhr. Vorher versammeln sich jedoch alle Schüler auf dem Schulhof, um die Flagge zu hissen. Danach hat man Unterricht je nach seinem Stundenplan. Vormittags hat man spätestens bis 12.05 Uhr, weil man danach nach Hause fährt/geht um Mittag zu essen. Um 13.30 Uhr geht es dann auch schon wieder in die Schule und der Nachmittag beginnt, der dann, wie gesagt je nach Stundenplan, bis spätestens 17.50 Uhr gehen kann. Dann um 17.50 Uhr versammeln sich erneut alle auf den Schulhof, um die Flagge einzuholen. Zur Frage, ob es leicht ist Klassenkamerad/innen kennen zu lernen kann ich in meinem Fall sagen: Nein! :) Ich war der einzige Austauschschüler an meiner Schule und es kannten mich alle. Ausserdem sind die Argentinier sehr aufgeschlossen und neugiereig. So kommt man sehr schnell ins Gespräch

Leben in der Gastfamilie oder im Internat: Was ist ganz anders als zu Hause?

In meiner zweiten Gastfamilie habe ich mich sehr schnell eingelebt und ich wurde total nett und angenehm aufgenommen. In Argentinien steht das Familieneben an erster Stelle und deshalb trifft man sich sehr häufig mit der Tante, dem Onkel oder den Grosseltern. Ein Mal in der Woche isst man mit der ganzen Familie zusammen und geniesst das Beisammensein.

Ansonsten sah der Alltag meiner Gastfamilie so aus, dass meine Gasteltern morgens gegen 7 Uhr aufgestanden sind, ein kleines Frühstück eingenommen haben und dann zur Arbeit gefahren sind. Mein Gastbruder und ich sind je nach Stundenplan der Schule aufgestanden. Also ungefähr eine Stunde vor Schulbeginn klingelte der Wecker. Wir nahmen eine kleine Stärkung ein und gingen zur Schule. Der Morgen innerhalb der Woche läuft also eher individuell ab. Später kehrten meine Gasteltern, mein Gastbruder und ich von der Arbeit bzw. Schule heim, um zusammen das Mittagsessen einzunehmen. Nach dem Essen legten sich meine Gasteltern eine Weile hin (Nachmittagsschlaf-Siesta), um dann so gegen 16 Uhr weiter zu arbeiten. Mein Gastbruder ging auf eine Vormittagsschule und nicht wie ich auf eine Ganztagsschule. Somit endete sein Schultag ungefähr zur Mittagszeit. Ich hingegen musste je nach Stundenplan nachmittags noch einmal zur Schule. Als ich dann von der Schule zurückkam ging es dann um 19.30 Uhr zum Rugbytraining. Meine Gasteltern erledigten in dieser Zeit Einkäufe oder wendeten sich persönlichen Dingen zu. Das Abendsessen war zwischen 21.30 Uhr und 22.00 Uhr, das wir immer gemeinsam eingenommen haben. Danach liessen wir den Tag mit Fernsehen ausklingen. 

Am Wochenende erholten wir uns von der Woche mit viel Schlaf. Es kam des öfteren vor, dass dann keiner vor 10 Uhr aufgestanden ist, was ich persönlich als sehr angenehm empfand. Manchmal hatte ich jedoch ein Rugbyspiel zu bestreiten und musste deshalb früher aufstehen. Dann stand die ganze Familie auf, um mich auf dem Feld anzufeuern. Wenn schönes Wetter war, sind wir oft aufs Land gefahren, denn meine Familie, so wie viele Argentinier, liebt die Natur. Insgesamt kann man sagen, dass, wie oben schon gesagt, viel Zeit in der Familie verbracht wird und diese Zeit sollte man schätzen. Der wichtigste Punkt des Lebens in einer Gastfamilie ist, dass man die Gastfamilie und ihr Umfeld immer mit viel Respekt und Dankbarkeit behandeln sollte, denn es ist nicht für jede Familie selbstverständlich einen Austauschschüler bei sich aufzunehmen. Ein kleiner Tipp: auch wenn es vielleicht am Anfang nicht gleich zur perfekten Kommunikation kommt, lieber ein Mal mehr Danke und Bitte sagen - das wirkt Wunder ;).
Zu dem Punkt, was ganz anders ist, als zu Hause, weiss ich leider keine Antwort. In meiner Gastfamilie gab es keine grossen Unterschiede. Der einzige Unterschied, den ich schon erwähnte ist, dass man mehr Zeit als Familie zusammen verbringt.

Wie hast du die außerschulische Zeit verbracht?

Die ausserschulische Zeit habe ich mit sehr viel Sport verbracht. Ich bin am Anfang meines Aufenthalts einem Rugbyverein beigetreten und hatte dadurch zwei Mal in der Woche Training und an manchen Wochenenden Spiele. Ausserdem ging ich sehr oft ins Fitness-Studio. Einen Sport oder eine Beschäftigung anzufangen ist für mich ein wichtiger Schritt, den ich jedem Austauschschüler rate zu tun, denn nachdem ich mit dem Rugby anfing öffneten sich mir alle Wege zu Freundschaften, Partys und Zeitvertreib.

Ich hatte also in der Woche Training und ging ins Fitness-Studio. Deshalb war der Zeitplan ziemlich eng gespickt, um sich noch mit Freunden zu treffen. Einmal in der Woche (jeden Mittwoch) traf ich mich jedoch mit meinen Freunden vom Rugby zum Pizza essen in einer Art Bar.

Am Wochenende verbrachte ich meine Zeit entweder mit meiner Familie oder mit meinen Freunden. Später abends bzw. nachts unternahm ich eigentlich immer etwas mit meinen Freunden. Wir trafen uns bei einem Freund zu Hause, aßen „asado“, „choripan“ und schauten fern. Später nachts so gegen 2.30 Uhr – 3.00 Uhr gingen wir dann in die Disco. So eine argentinische Partynacht kann dann schon mal bis um 8 Uhr morgens andauern und nicht jede Gastfamilie ist mit dieser Zeit einverstanden. Deshalb sollte man immer noch einmal nachfragen. Ich an meiner Stelle hatte Glück und es war kein Problem, denn mein Gastbruder war ja auch unterwegs.

Erwähnenswert: am Wochenende blühte das Leben an der Plaza (Hauptplatz) auf und die gesamte Jugend von Esperanza versammelte sich so zwischen 20.00 Uhr und 2.00 Uhr nachts. Es ist eine Art von „Sehen und gesehen werden“ die dann von allen dort in Form von Autokorsos rund um die Plaza durchgeführt wird. Man kann sich aber auch gemütlich mit seinen Freunden in ein Café setzen und den ganzen Trubel, begleitet von laut schallender Cumbia-Musik, von einer gewissen Distanz beobachten.

Es bieten sich wirklich unzählige Möglichkeiten an, die Freizeit mit Freunden oder Familie zu verbringen.  

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