Kanada: High School staatlich

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Vorname:
Markus
Alter:
17
aus:
Berlin
war:
2007 für ein Schuljahr in Vancouver, British Columbia, Kanada
Schultyp:
Staatliche Schule mit Wahl
Schule:
Lord Byng Secondary School

Hier der Bericht von Markus:

Nachdem ich nun schon seit fast einem halben Jahr auf einem Schulaufenthalt in Kanada bin, wollte ich mal erzählen, wie es so ist am anderen Ende der Welt zu leben.

Ich wohne hier in Vancouver; das ist eine Stadt in West-Kanada, wo die Leute glücklicherweise Englisch – und nicht Französisch – sprechen. Kanada ist eigentlich ein eher dünn besiedeltes Land. Das typische Bild, das man von Kanada hat (naja, Wälder, Seen, Holzfäller, Grizzlybären, Eskimos usw.), hat schon seinen wahren Hintergrund, denn 2/3 des Landes sind echt Natur pur. Aber wie gesagt, ich sitze nicht mitten in der kalten kanadischen Wildnis, sondern im sonnigen Vancouver, einer kanadischen Großstadt zwischen Pazifik und Bergen.

Die Umgebung ist extrem abwechslungsreich, mit Wäldern und Nationalparks im Osten, Sandstränden im Süden, riesigen Wintersportgebieten im Norden und im Westen Wasser, Wasser, Wasser, bis irgendwann Vancouver Island und dann Japan kommt. Das Nette daran ist, dass alles so nah beisammen ist: Ich wohne 300m vom Pazifik weg und kann trotzdem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb von 45 Minuten Skifahren gehen. Das ist natürlich schon mal ein extremer Vorteil für kalte Wintertage.

Die Stadt selber ist auch ziemlich anders als das, was man so aus Europa kennt. Die Innenstadt sieht genauso aus wie New York oder so, liegt aber auf einer Insel mitten in der Bucht von Vancouver. Dementsprechend ist sie auch nur mit der Fähre oder über eine der Brücken zu erreichen, wenn man nicht bei Minusgraden schwimmen will. Sonst ist die Stadt aber wirklich das, was man so aus den Kinofilmen kennt: Grade nummerierte Straßen, Hochhäuser, Wolkenkratzer, usw.

Die ca. 1,5 Mio. legalen und 1 Mio. illegalen Einwohner Vancouvers sind absolut multikulturell. Wobei die größte Gruppe besonders hervorzuheben wäre: Die Asiaten.

Als ich das erste Mal in die Stadt gekommen bin, sah ich als Durchschnittseuropäer, der kaum mehr als zwei Chinesen in seinem Leben gekannt hat, nichts anderes: Große Asiaten, kleine Asiaten, Asiaten mit kleinen Augen, Asiaten mit großen Augen, Asiaten die Englisch reden, welche die kein Englisch reden, ... Asiaten in allen Variationen, vom Chinesischen bis ins Japanische, einfach alles... Das fällt einem wie gesagt natürlich besonders dann auf, wenn man aus einem Land wie Deutschland kommt, wo ja ein akuter Mangel an derartigen Bevölkerungsgruppen herrscht. Man stelle sich das mal vor, meine Klasse in der Schule hier besteht aus 29 Asiaten und einem Europäer - mir.

Naja, zunächst ist man also ziemlich überwältigt von so vielen "Anderen", aber mit der Zeit beginnt man sich daran zu gewöhnen und man entdeckt einen der größten Vorteile des Auslandschuljahres: Man lernt viele Menschen und Kulturen kennen, die man sonst nie getroffen hätte. Wann treffe ich in Deutschland schon jemanden aus Taiwan oder Kasachstan? Hier lerne ich jeden Tag irgendwen vom anderen Ende der Welt kennen, der selber bisher auch nicht wusste, dass "Germany" ein Land und keine Automarke ist...

Aber um die Leute hier zu beschreiben, fängt man vermutlich am Besten mal im Kleinen an, nämlich in meinem Fall mit der Gastfamilie, in der ich lebe: Die ist natürlich auch multikulturell und besteht aus Paul, meinem 39jähriger Gastvater aus Irland, Jane, meiner Gastmutter, die aus England kommt, und ihren beiden Kinder, James (6 Jahre) und Sarah (2). Dazu kommen dann Jun Shiraishi, ein japanischer Austauschschüler und ich, offensichtlich ein Deutscher. Alle gemeinsam wohnen wir in einem dieser netten, kleinen nordamerikanischen Reihenhäuser, mit Vorgarten, weißem Gartenzaun und rotem Briefkasten, wie man sie aus den Hollywoodfilmen kennt.

Im Prinzip muss ich sagen, dass ich wirklich in einer guten Gastfamilie gelandet bin. Klar, die Kinder gehen früh ins Bett und wecken mich stattdessen morgens um halb sechs, aber das ist man ja auch von zu Hause gewöhnt (zumindest wenn man auch da einen 4jährigen Bruder hat). Dafür sind meine Gasteltern ziemlich offen, was die Zeitbeschränkungen angeht und auch sonst freundlich und halt so, wie man es sich vorstellt. Außerdem ist die Tatsache, dass Jun hier ist auch "Gold wert". Ich hätte nie gedacht, wie sehr sich das Leben eines Deutschen von dem eines Japaners unterscheiden kann. Das reicht von der Art wie man Weihnachten feiert (ja, das tun sogar die...) bis hin zum Apfelschälen, die machen so vieles so anders, das kann man sich gar nicht vorstellen!

In sofern würde ich behaupten, dass eine der besten Erfahrungen für mich allein schon die Tatsache ist, dass ich mal ein halbes Jahr mit einem Japaner unter einem Dach lebe.

Naja, mal abgesehen von meiner Gastfamilie ist der Ort, an dem ich als erstes andere Leute treffe, natürlich die Schule. Schule ist eigentlich ein Wort, wo der normale deutsche Junge in meinem Alter erstmal geistig abschaltet oder zumindest beschließt den nächsten Absatz zu überspringen. In Kanada ist das nicht so. In Kanada ist Schule interessant. Schule macht Spaß und vor allem: Schule ist motivierend.

Sehen wir es realistisch: Ich brauche dieses Schuljahr hier nicht. Ich brauche die Noten nicht, ich brauche den Abschluss nicht. Ich könnte mich hier faul zurücklehnen und in Deutschland würde sich trotzdem kein Mensch darum kümmern. Trotzdem quäle ich mich aber durch das Halbjahr. Warum? Ganz einfach: Es macht verdammt viel Spaß.....

Da das für die meisten wahrscheinlich so klingt, als sei ich jetzt vollkommen durchgedreht und überhaupt nicht mehr zu retten, erkläre ich einfach mal ganz schnell, woran das liegt: Zu fast 100% an den Lehrern. Die kanadischen Lehrer sind jung, motiviert und kümmern sich um die Schüler. Außerdem sind sie gewissermaßen Vorbilder für die Schüler bzw. hin und wieder praktisch schon Freunde. Natürlich nicht alle (wer will schon mit einer 59jährigen Englischlehrerin befreundet sein?), aber 7 von 8 Lehrern, die mich unterrichten, sind wirklich nahezu perfekt. Das erklärt auch warum kanadische Schüler wesentlich mehr für ihre Schule tun als Deutsche. Beispielsweise organisieren sie Veranstaltungen etc. für die Schule, stellen (selbstständig!) eigene Schulmannschaften auf und vertreten ihre Schule auch sonst immer und überall.

Naja, für mich als Austauschschüler gilt das auf Grund der begrenzten Zeit natürlich eher weniger. Aber trotzdem kann ich mich zumindest damit rühmen, in der Schulrudermannschaft zu sein...Immerhin habe ich so zumindest einen Teil meiner Aktivitäten aus Deutschland nach Kanada übertragen können. Einen Unterschied gibt es natürlich: Das Rudern hier bezieht sich vorzugsweise auf Regatten und Rennsport... Aber das Rudern in Vancouver hat auch einige große Vorzüge im Vergleich zu Berlin: Der erste dürften die Bedingungen sein. Na gut, wir haben den Wannsee, aber die hier haben eine Pazifikbucht. Mit wunderbarem smaragdgrünem Wasser (ja, Wannseewasser ist auch grün, aber irgendwie anders) und außerdem ist die Bucht von Vancouver nahezu absolut windstill. Alles nur wegen so ein paar lächerlichen vorgelagerten Inseln, die allen Wind und alle Wellen schön aus der Bucht raushalten.... Da könnte man schon recht neidisch werden. Zu allem Überfluss kommt dazu dann auch noch die Tatsache, dass die kanadischen Universitäten offensichtlich mehr Geld fürs Rudern als für Bildung ausgeben, was zu einer regelrechten Inflation an Bootsmaterial in den Vereinen führt... Die spinnen, die Kanadier!

Außerdem ist so ein Verein natürlich ideal, um ein paar Gleichaltrige kennen zu lernen, mit denen man nicht unbedingt schon den ganzen Tag in der Schule rumsitzt. Denn wenn man schnell Freunde findet und eine Menge neuer Leute kennen lernt, dann beginnt so ein Austausch erst richtig Spaß zu machen. Man hat immer etwas zu tun, erlebt jeden Tag was Neues und diese ganzen Sprachprobleme usw. die man anfangs vielleicht hat, treten vollkommen in den Hintergrund. Darum kann ich nur sagen: Wer die Gelegenheit hat, der soll sich die Chance nicht entgehen lassen. Ich will nicht so tun, als hätte ich mich da nicht auch ein bisschen vor gefürchtet, grade die letzten Tage in Deutschland waren schwierig, aber jetzt wo ich hier mitten in Kanada diesen Text tippe, kann ich nur sagen, dass das vermutlich eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht schwierig aus, aber wenn man sich erst mal eingelebt hat, ist so eine Zeit unbezahlbar.

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