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Auslandspraktika - Erfahrungsberichte

Hier finden Sie Erfahrungsberichte von Leuten, die mit GLS ein Auslandspraktikum gemacht haben.

Vorname:
Jens
Alter:
19
aus:
Berlin
Hintergrund:
Abiturient
Sprachkurs:
-
Praktikum:
3 Monate
Im Ausland:
2006
Praktikumsort:
Sydney, Australien
Unternehmen:
Greenpeace
Branche:
NGO (Non-Governmental Organizations)

Nach der ersten Praktikumswoche bitten wir alle interns um Ausfüllen eines Fragebogens - hier die Antworten und Kommentare von Jens:

In welchem Unternehmen haben Sie Ihr Auslandspraktikum in Australien gemacht?

Greenpeace, das „Unternehmen“, oder besser: die global operierende Nichtregierungsorganisation, fuer die ich nun schon seit knapp acht Wochen tätig sein darf und bei der ich noch vier weitere Wochen beschäftigt sein werde, sollte wohl auch dem einen oder anderen in Deutschland nicht ganz unbekannt geblieben sein.

Jedenfalls setzen sich in Australien, wie weltweit, tagtäglich Hunderte Freiwillige, Frontliner und natuerlich nicht zuletzt gut ausgebildete Fachkräfte dafür ein, die Welt, oder zumindest das Bewusstsein der Menschen, die eben diesen hübschen Planeten bewohnen, ein Stück weit in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit zu verändern, um gemeinsam alternative Lösungen für die dringendsten Probleme unserer Zeit zu finden und umzusetzen. Greenpeace betreibt internationale, wie regionale Kampagnen in den Bereichen „Save the Oceans, „Protect ancient forests“, „Create a peaceful future“, „Eliminate Toxics“, „Promote the Clean Energy Revolution“ sowie „Stop genetically engineered food“. Etwa 130 Freiwillige und fest Angestellte befassen sich allein im GP-Headquarter in Sydney mit der Organisation und Realisierung dieser Kampagnen, deren aktiver Umsetzung, der Koordinierung regionaler „local groups“, Fundraising sowie der kommunikativen Öffentlichkeitsarbeit ein. Während meiner Zeit als Praktikant in Sydney liegt der Schwerpunkt übrigens im Bereich Klimawandel („Quit coal!“), da sich Australien als weltweit größter Kohle-Exporteur noch immer strikt und natürlich völlig unverständlicherweise der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls verweigert.

Hört sich nach Arbeit an? In der Tat, was zu tun gibt's stets und ständig mehr als genug; jeder ist tagtäglich 100% ausgelastet und „extremly busy“, sodass letztlich jeder einzelne „Mitarbeiter“ dieses voluminösen Teams seinen ganz persönlichen kleinen Beitrag zum großen Erfolg der Organisation leistet.

Als NGO nimmt GP sicherlich auch in Australien eine führende Rolle ein, wenngleich immer wieder von der starken Position in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden geschwärmt wird, da sich der politische Einfluss – trotz hartnäckiger Lobbyarbeit auch in Canberra – denn doch eher in Grenzen hält.

Nichtsdestotrotz: GP macht regelmäßig auf sich aufmerksam – wie etwa letzte Woche, als GP ganze fünf Stunden den weltweit größten Kohlehafen in Newcastle lahm legte und daraufhin eine phänomenale Medienresonanz erhielt - , trifft so bei einem Grossteil der Bevölkerung immer wieder auf offene Ohren und wird nicht zuletzt deshalb – als Honorierung dieser großartigen Arbeit - ausschließlich mittels individueller Spenden zahlreicher Einzelpersonen finanziert, unterstützt und seit mehr als 30 Jahren erfolgreich am Leben gehalten.

In welcher Abteilung werden Sie eingesetzt?

Als Praktikant im Bereich Medien/Journalismus werde ich natürlich hauptsächlich in der rund um die Uhr – erfreulicherweise – äußerst professionell und überaus serioes arbeitenden „Communications“-Abteilung von GPAP eingesetzt. Allerdings ist es kein Problem, auch sporadisch in andere Abteilungen „hinein zu schnuppern“, sodass ich durch kleinere Arbeiten für die einzelnen Kampagnen hin und wieder auch Erfahrungen in anderen Bereichen sammeln kann.

Die meiste Arbeit an sich hört sich allerdings zunächst einmal nicht gerade phänomenal spannend an: media-monitoring und -coverage, filing, creating contact-lists, archiving, CV assessment, research... Doch darf man bei alledem nicht vergessen, dass ich als 19 jähriger, frisch gebackener Abiturient, ohne wirkliche länger andauernde professionelle journalistische Berufserfahrung denn auch kaum utopische Vorstellung haben kann und darf. Um so erfreulicher, dass darüber hinaus auch die telefonische Recherche, Kontaktierung, Veröffentlichung von Kleinanzeigen sowie das Verfassen einzelner Artikel zu meinem Aufgabenfeld als Praktikant bei GPAP gehören. Und so macht mir die tägliche Arbeit denn auch gerade deshalb so viel Spaß, weil ich jeden Tag etwas neues dazu lernen kann und wirkliche Langeweile nur äußerst selten vorkommt.

Wie viele Stunden täglich arbeiten Sie?

Oberstes Gebot in Sachen Arbeitszeiten: Vertrauen, Eigeninitiative und anhaltendes Engagement. Zumindest hier bei Greenpeace. Doch auch in anderen – natürlich nicht allen – Unternehmen Down Under lassen sich die Arbeitszeiten äußerst flexibel einteilen und folgen dementsprechend nicht immer dem starren Muster der „offiziellen“ australischen Arbeitszeiten (9:00-17:00). Einzige Bedingung für mich als Praktikant: Mindestens fünf Stunden täglich. Allerdings arbeite ich – nicht zuletzt auch, um einen geregelten Tagesablauf zu haben und so viel Erfahrungen, wie nur möglich zu sammeln – durchschnittlich acht Stunden täglich, in der Zeit von 9:00 bis 17:30 Uhr (bei etwa 30 bis 45 Minuten Mittagspause) , ergo knapp 40 Stunden die Woche.

Bitte beschreiben Sie einen typischen Arbeitstag.

Das mehr oder weniger Gute bei Greenpeace ist, dass es eigentlich – gerade für die Volunteers - keinen wirklich als typisch zu bezeichnenden Tagesablauf gibt, was allerlei Überraschungen, Spannung und zahlreiche neue Erfahrungen in sich birgt, seltener allerdings auch durchaus in Langeweile ausarten kann. Anyway, der gestrige Tag soll denn mal als – obschon nicht wirklich repreasentatives – schematisches Beispiel herhalten.

Nachdem die cityrail mal wieder so wunderbar knapp verpasst wurde - wo sowieso schon wieder das allmorgendliche heilloses Chaos auf den Bahnstrecken herrscht - beginnt die Arbeit heute denn erst gegen 9:30. Macht aber auch nichts, da eines der zugegebenermaßen recht häufig stattfindenden Staff-Meetings eh erst zu eben diesem ominösen Zeitpunkt beginnt. Also, nichts wie rein in das Hörvergnügen, natürlich wird fleißig mitgeschrieben, da es sich schließlich um das GE-free campaigner meeting handelt, in deren Aktivitäten ich hin und wieder involviert bin. Das ganze amüsante Rekapitulieren, Diskutieren, aktuelle Aktivitäten Koordinieren und Pläne für die Zukunft Schmieden endet nach knapp einer Stunde. Ehrliche Meinung: interessant. Allerdings erscheinen mir einige Kollegen schon derart mit Meetings überfrachtet zu sein, dass sie an so manchen Tagen wohl kaum noch zum eigentlichen „Arbeiten“ kommen.

Wie dem auch sei, nachdem schnell noch die GP relevanten Mails abgearbeitet und die internen Greenpeace-News studiert wurden, beginnt meine Arbeit für das „Communications-Department“ - meine eigentliche Abteilung - heute den erst gegen elf. Zunächst mach' ich mich daran, einige Kontaktlisten von australischen Journalisten zu erstellen - da Kontakte mit so ziemlich das Wichtigste in der Medienbrache sind -, um mich gegen 12 denn wieder meinem eigenen kleinen Projekt zuzuwenden, der Erstellung eines globalen Greenpeace relevanten Kalendars mit allerlei wichtigen Umweltereignissen, Katastrophen, Erfolgen, Abkommen etc.

Nach der Mittagspause werden denn zunächst noch anstehende Kleinigkeiten erledigt (Kontaktierung diverser Radiostationen in Sydney, zur Bekanntmachung einer GP Aktion am Wochenende, Media monitoring in Sachen „Rainbow Warrior Tour 2005“ - der wohl größten Greenpeace Aktion in Australien dieses Jahr...), bevor gegen drei noch ein wenig Zeit für andere „Arbeitsfelder“ bleibt. Konkret, für die GE-free Kampagne, die sich im Besonderen gegen die Verbreitung genveränderter Lebensmittel sowie für nachhaltige Landwirtschaft einsetzt.

Um Produzenten diverser Lebensmittel den Zugang zu 100%ig genetisch unbelasteten Rohstoffen zu erleichtern, haben wir für sie eine Art GE-free Kit mit allen notwendigen Informationen, Kontaktadressen... erstellt. Heute stehen fuer mich Zucker und Süßungsmittel auf dem Speiseplan, soll heißen: Überzeugte GE-free Lieferanten ausfindig machen, kontaktieren und über ihre Produkte ausfragen, möglichst aussagekräftige Zitate zusammenstellen, um denn alles in Form einer übersichtlichen Liste und eines Artikels zusammen zu fassen. Zugegebenermaßen, ein mehr als nur diesen Nachmittag bis zum Feierabend 17:30 füllendes Arbeitsprogramm.

Wie war der Umgang mit Ihnen als Praktikant(in) aus Deutschland?

Der Umgang mit Freiwilligen und Praktikanten bei Greenpeace ist ganz allgemein überaus positiv: Jeder ist dankbar für die angebotene Hilfe, man wird stets gefragt, ob man denn auch wirklich und tatsächlich mit der Arbeit zufrieden ist und überhaupt wird jeder Neuankömmling mit offenen Armen empfangen und ohne Schwierigkeiten in das Team integriert. Deutschlandspezifisch lässt sich sagen, dass zu diesem Zeitpunkt noch zwei weitere Praktikanten aus Deutschland hier bei GP in Sydney arbeiten und überhaupt immer wieder von der grandiosen Unterstützung von GP in Deutschland geschwärmt wird.

Sind Ihnen in Ihrem Arbeitsalltag in Australien schon Unterschiede zur Berufswelt in Deutschland aufgefallen - im Verhalten am Arbeitsplatz, im Dresscode, bei der Ansprechbarkeit von Vorgesetzten?

Auffällig, ja fast schon beängstigend im Vergleich zum grimmig-ernsten Deutschland-Alltag, ist auf jeden Fall der in Australien überaus freundliche und offene Umgang mit- und untereinander; jeden Morgen erkundigt man sich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht bei jedem nach seinem Befinden, tauscht Nettigkeiten aus und kommt so unheimlich schell ins Gespräch. Die Arbeits-Atmosphaere ist geprägt von Kollegialität, Verständnis und ungeheurer Freundlichkeit.

Des Weiteren halte ich auch die sehr flexiblen Arbeitszeiten – nicht nur bei Greenpeace – für in der Tat erwähnenswert. Wenn man etwa eine Stunde zu spät kommen sollte (und das passiert bei dieser Art von öffentlichem Personennahverkehr nicht gerade selten), interessiert das so ziemlich Niemanden. Arbeitet man an diesem Tag einfach 'ne Stunde länger. So what? Die Arbeit hier macht auch aus dem einfachen Grunde Spaß, dass restriktive Konventionen oder stumpfsinnig bürokratische Regeln schlicht nicht existieren, es keinen wirklicher Dresscode gibt und die „Vorgesetzten“ zwar respektiert werden, darüber hinaus jedoch keine alles und jeden regulierende Kontrollfunktion ausüben. Die Arbeit in diesem grandiosen Team ist schlicht phänomenal. Klar, dass die Vorzüge dieses freundlichen Arbeitsklimas zu einer großartigen Motivation, ergo einer erhöhten „Effektivität“ führen.

Wie werden Sie Ihre jetzigen Erfahrungen als Praktikant in Australien nach Ihrer Rückkehr in Deutschland nutzen ?

Aus pragmatischer Sicht diente dieses Praktikum in Australien der praktischen Einführung in das Berufsfeld der Medien, sodass ich mir in dieser Hinsicht natürlich jede Menge „Handwerkszeug“ in Sachen Journalismus erarbeiten konnte, welches sicherlich auch in Deutschland zur Anwendung kommen wird. Zudem hat mir das Praktikum bei Greenpeace einen überaus lebhaften Eindruck in das Arbeiten einer NGO im rauen politischen Umfeld gegeben, sodass das Praktikum auch unter dem Gesichtspunkt sozialer und Politik-relevanter Erfahrungen für mein Studium der Politikwissenschaften definitiv von großem Nutzen gewesen ist.

Allerdings wird es darüber hinaus wohl durchaus schwierig sein dieses australische Arbeitsmodell und die hier gesammelten Erfahrungen eins zu eins auf die deutschen Strukturen zu übertragen, da bereits die allgemeine Arbeitseinstellung – auch aufgrund der unterschiedlichen Lebensauffassungen – eine andere ist.

Probleme werden Down Under kurzerhand als ultimative Herausforderungen aufgefasst, die es gilt, mit größtem Engagement und Kreativität anzugehen; Hindernisse werden als einzigartige Chancen begriffen... Und so ist es denn auch die wohl wichtigste Erfahrung gewesen, in der zu erledigenden Arbeit nicht nur eine pure Notwendigkeit zum Überleben zu sehen, sondern das, was man schafft, als wirkliche Lebenserfüllung zu begreifen.

Und auch wenn der abschließende, nun folgende Aphorismus auch ein klein wenig platt daherkommen mag, repräsentiert er doch eine pointierte Zusammenfassung des zuvor Erläuterten (sorry für die Ausführlichkeit) und reflektiert meine derzeitige Einstellung zum bisherigen Praktikumsverlauf – ich bin wahrlich mehr als zufrieden mit der „Arbeit“: Jede Arbeit ist ein Selbst-Porträt jener Person, die diese Arbeit getan hat (Karl Pilsl) Und wem das nicht gefallen sollte, hier noch ein kleiner Rat: "Vom Aphorismus Lebenshilfe zu erwarten heißt, den Skorpion um eine Blutspende zu bitten." (Wolfdietrich Schnurre) In diesem Sinne, macht eure eigene Erfahrungen, entdeckt die Welt in ihrem unglaublichen Facettenreichtum und genießt jeden Augenblick eures einzigartigen Auslandsaufenthalts.

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